Sockel der Meister


Eine vielseitige Auseinandersetzung mit den klassischen Formen der Kunst führt zur Erkenntnis und Erweiterung der individuellen Fähigkeiten. Der Schritt diese Fähigkeiten in die zeitgenössische Kunst – incl. neue Medien - hineinzutragen, erweitert die Möglichkeiten und engt sie nicht ein.

Kunst der Vergangenheit ist für eine Bildende Kunst der Gegenwart elementar wichtig. Die Auseinandersetzung damit führt zu einem Formenreichtum der substantiell und bewährt ist.
Genau das führt zur Herausbildung einer starken individuellen Formensprache.


Wie sieht so etwas konkret aus?
Beispiel einer Gruppenkomposition von Watteau.
Der Garten ist eine Art Bühne. Auf dieser befinden sich die Figuren. Sie sind wunderbar formal verbunden miteinander. Diese Rhythmik lohnt sich zu untersuchen. Die Annäherung muss praktisch sein und am besten von der Zeichnung ausgehen, da Watteau’s Arbeiten aus der Zeichnung heraus entwickelt wurden.
Nun - gerade sitze ich in der Bahn – findet sich diese Rhythmik durchaus in den unterschiedlichsten Situationen wieder. Oder sie lässt sich auf andere Situationen transponieren. Ein beispielhafter Bezug vom modernen Großraumwagon zu Watteau`s Gruppenkomposition ist allerdings nur dann wirklich ausbaufähig, wenn im Vorfeld die Arbeit Watteau`s strukturell und praktisch untersucht wurde. Das heißt es muss eine Grundstruktur dieser Bilder gefunden werden. Dabei ist sogar noch nicht einmal wichtig, ob diese Struktur tatsächlich Watteau`s Arbeitsweise entspricht. Wichtig ist ein spezifisch gefundener Weg, der dann zu dem Punkt führt, der gesucht wurde – auch wenn die Historiker bellen. Der Student hat einen Weg entwickelt, der zu einer Figurenkomposition führt, die der von Watteau sehr verwandt ist.
Somit kann dieses Wissen auch bei einem Großraumwagon seine Anwendung finden. Und wer weiß schon, wie Watteau wirklich gemalt hat?

Nach dieser sinnvollen Auseinandersetzung mit Watteau`s Bildern lassen sich mühelos die Figuren im Großraumwagon im „Watteau`schem Sinne“ manipulieren.


Diese spielerische Auseinandersetzung führt zu einer intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung. Themen wie z.B. Dekadenz, öffentliches Umfeld, gesellschaftliche Maskerade, Erotik gibt es sowohl in der Gegenwart wie in der Vergangenheit. Historische Bezüge zur Gegenwart verdeutlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten und sind somit auch Teil gegenwärtiger Identitätsbestimmung.

Die Liste ist spontan aufgeschrieben, ohne weitergehende Recherche und somit unvollständig. Sie soll vor allem Lust wecken, in die Werke hineinzusteigen. Bilder zu den Künstlern lassen sich leicht unter google (Option Bilder) (hier) finden.
Die aufgeführten Stichpunkte verweisen sehr verallgemeinernd auf mögliche Wege und Resultate, die aus der Auseinandersetzung mit dem Künstler hervorgehen können.

 

 

 

 

Brancusi – eine Form auf eine wesentliche Grundform reduzieren
Picasso – Rhythmik von Farbe und Fläche und tausend andere Themen
Tizian – Raumaufteilung in Massen, Vermeidung von Fluchtlinien, Farbkompaktheit
Matisse – freie Linienführung, freier Farbflächen
Cezanne – in seiner Farbmalerei nahezu unbemerkt: die komplexen Kompositionen
Monet – dichtes Farbgefüge, stets mit individueller Palette
Bacon – die Neuentdeckung des Bildraumes als Bühne
Moore – reines lustvolles Spiel mit den Massen
Giacometti – die Kernfragestellung: wie kann Realität abgebildet werden – Realismus hinter der Netzhautoberfläche - die Distanz von Wahrnehmung und Wirklichkeit
Watteau – Gruppenkomposition und Umgebung als Staffage
Turner – Lichtmalerei, Auflösung des Gegenstandes in dem Duktus der Malerei
Klee – Monumentalität auf kleinem Format, intuitive Bilderzählungen, freies Spiel mit Farbflächen
Beckmann – monumentale nahezu archaische Figurenauffassung, immer hinsichtlich einer ganzheitlichen, kompakten Bildkomposition
Kokoschka – intuitiv gesetzte Linien und Farben transformieren zu Portrait frei gesetzter Psyche
Nolde – intensivste Farbigkeit bei spektakulärer Massenverteilung, optimale Herausforderung für diverse Farbstudien
Kandinsky – lustvolle Inspiration für freies Formenspiel
Soutine – wunderbare musikalische Pinselrhythmik, die den Gegenstand neu und Intensiv entstehen lässt
Braque – flächiger entspannter Bildraum
Pollock – absolut energetischer direkte Linienuniversen
Van Gogh – Pinselführung, extremste kalt – warm Kontraste, komplexer Bildaufbau, unendliche Entdeckungsreise
Mondrian- spielerische Rhythmik mit essentieller konkreter Massenaufteilung
Schiele – freie freche Linienführen zu freien frechen Zeichnungen
Warhol – exeme Plakativität, einprägede Bildhaftigkeit sowohl in der Ausführung wie im Sujet
Mark – reine Farben mystifizieren die Sujets
Macke – bewußtes Arbeiten mit starken Farbkontrasten und Analyse derselben
Rodin – eine freie lockere Linie, die zugleich eine komplexe ausgearbeitete Skulptur ist und unzählige andere Aspekte
Dix – wer sich `mal in der Harz-Ölmalerei probieren möchte, sollte sich auch auf den riskanten Pfad zwischen Naivität und Kitsch wagen
Grosz – harter Illustrativer Strich, harte Formen, Geschwindigkeit in den Kompositionen
Nay – mit Farbflecken tiefräumliche Bildsituationen schaffen
Marwan – Farben verflechten sich zu einem dichten undurchdringlichen zugleich leuchtenden Körper
Hödicke – direktes raumgreifendes Arbeiten mit breiten Pinselstrichen bis Pinselbahnen
Stöhrer – expressive, körperliche, konkrete Farbmalerei mit literarischen Aspekten (Worte,Sätze)
Bachmann – Distanz / Atmosphäre durch Lasuren
Badur- stimmungsvolle Farbmalerei deutlich abgegrenzter Fläche mit diversen Farbschichten
Kürschner – expressive Farbmalerei, ständig neue Reflexion eines Motives
Rothko – Flächen, die sich wundervoll ausdehnen und gleichzeitig unendlich fern und nah zu sein scheinen
Motherwell – wann wird eine Farbfläche zu einem skulpturalen Gebilde
Miro – Linien und Flecken transformieren zu rätselhaften Fantasiewelten
Schwitters – anna blume
Duchamp – Flugzeugpropeller oder vollendetes Kunstwerk
Rembrandt – die Zeichnungen, das kalte und warme Weiß, muss man sich mit dem Stift ansehen
Hals – einsichtbare Aufbaumalerei mit bester Zeichnung – kann man viel lernen – nur nicht so zu malen wie er
Grünewald – Harz-Ölmalerei, Lasurmalerei
Claesz – das sind Vorlagen für vieles, Material in Überfülle, zum Abstrahieren geeignet auch einfach nur zum Angucken
Flegel – wunderbare einfache Bildsprache, die Spaß macht kompositorisch mit der Zeichnung auf den Grund zu gehen
Dürer – da gibt es ein Menge: Anfangen, Dürer-Thema finden
Da Vinci – siehe Dürer
Vermeer – wundervolle Raumaufteilung durch kräftige ruhige Massen
De Hogh – spektakuläre Raumsituationen
Rubens – Kompositionsfestival mit unerreichten bewegten Gruppen in kleinen und großen Formaten


Frank Pieperhoff 2005


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