ZEUGWERK
Wie nenne ich nur die von mir gezeugten
Werke? Die frage beschäftigte mich immer wieder – eigentlich schon
seit 20 Jahren.
Das Gute an meiner zwanzigjährigen Recherche nach Formen, Material, historisch
Relevantem und eben auch an Benennbarem ist: Es gibt mehr und mehr Material
auf das man mehr und mehr verzichten kann. Wie dicke ineinander gewachsene Büsche,
die endlich radikal zugeschnitten werden. Aber letztendlich ist auch dieser
Kunst – Natur Vergleich problematisch für mich. Ich wollte und will
den Betrachter zum Mitmalenden, zum Mitschöpfer - im Grunde sogar zum eigentlichen
Schöpfer machen. Die Bilder und Skulpturen sollen offene Situationen sein,
die der Betrachter sehend, erlebend und selbst handelnd für sich nutzbar
machen kann. Das ist allerdings mit den klassischen Formen der Malerei und Bildhauerei
schwer zu bewältigen (was weniger mit dem Medium an sich zu tun hat, sondern
mit den fest gefügten Rezeptionsgewohnheiten).
Im Sommer 2005 verband ich zwei sehr alte rostige Stahlstangen mit einem einfachen
Gelenk. Eine Stange mündet in ein eben so altes Kinderwagenrad und die
andere Stange in einem offenen Verbindungselement (Kupplungsteil/Öse).
Geplant war das als Trägerkonstruktion für einen Sandsteinkopf. Doch
die Skulptur war bereits fertig – ohne den Kopf. Es fehlte nichts. Es
war der erste „Wegfinder“. Zwar ist es ein radikales Zurechtschneiden
des Strauches, doch wie es mir scheint, muss auf nichts verzichtet werden. Nur
ist es kein Strauch, der bewundert werden kann, sondern es ist ein Ding –
aus Zeug zusammengeschweißt – mit dem man etwas machen kann: Die
Skulpturen sind eine Art Werkzeug. Damit kommen zwei Dinge zusammen, die sich
anscheinend gut miteinander vertragen: Das ganze Zeug meiner langen Kunstrecherche
und das unendlich viele Zeug, was herumliegt – in meinem Atelier und überall
woanders. Es verbindet sich zu Objekten, die helfen über elementare Fragen
nachzudenken, die essentielle Kommentare sind und dabei hoffentlich eine spielerische
Offenheit bewahren.
Schon der Gedanke, ein Kunstwerk als Werkzeug zu betrachten, wirkt ungemein
entspannt auf mich. Doch Werkzeug als reale Bezeichnung für diese essentiellen
Werke wäre zu allgemein.
In der Nacht zum 4. April. 2006 um 3 Uhr wachte ich auf, denn ich hatte etwas
gefunden. Ich sortierte wieder einmal allerlei Begriffe und dann wusste ich
es:
Die neuen Werke heißen ZEUGWERK.
„Connection Art“ wäre
ebenfalls ein Begriff, der zunächst zur Disposition stand. Denn die Arbeiten
bestehen immer aus mehreren Teilen, die miteinander verbunden sind. Dabei ist
die Verbindung von Einem zum Anderen und wieder zum Anderen wesentlich. Die
Einzelteile verbinden sich also nicht zu einem Objekt, welches dann gewissermaßen
das Ziel dieser Verbindungen wäre, sondern zu einem ästhetisch –
funktionalem Verbindungselement, welches seine Funktion definieren muss. Sie
haben also eher eine leitende Funktion: Der „Benutzer“ betätigt
im geistigen Sinn das ZEUGWERK , welches dann von sich aus eine zugleich reale
wie auch fiktive Funktion in der Realität hat.
Darin unterscheidet sich das ZEUGWERK von dem Werkeug, denn die Form des Werkzeuges
wird nahezu ausschließlich durch die präzise Funktionalität
bestimmt. Daneben hat ein Werkzeug eine Entschiedene weitere Qualität:
Ein Teil des Werkzeuges ist immer auf den Menschen hin zugeschnitten (denn er
muss das Werkzeug bedienen können), und der andere Teil auf die angestrebte
Zustandsveränderung der Realität. Das ist maßgebend für
den Funktionscharakter. Die Transformation von Zustand A zu Zustand B setzt
also das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Verbindungspunkte voraus. Ein
Werkzeug erfüllt immer diese Voraussetzung: Die menschliche Perspektive,
einen Nagel in die Wand zu schlagen, ist realisierbar, da einerseits ein auf
den Menschen zugeschnittener Verbindungspunkt (der Griff) existiert und andererseits
ein hartes, schweres Material (der Stahl), welches den Nagel in die Wand hineinzuschlagen
vermag. Mit dem entsprechenden Wissen, wie das funktioniert; kann der Mensch
dann den Nagel in die Wand schlagen.
Diese menschliche Perspektive mit
Hilfe von einem Werkzeug, die Realität verändern zu können, ist
ein wesentliches Kriterium der ZEUGWERK – Objekte. Der Gebrauchs- und
Werkzeugcharakter liegt bei dem ZEUGWERK auf der Hand, nur bleibt die Frage
nach der Funktion letztendlich offen.
Die Funktion allerdings bestimmt maßgebend die Form eines Werkzeuges.
Ist die Funktion nicht erkennbar, bleibt diese Frage offen und wird zur elementaren
Sinnfrage.
Das ZEUGWERK transformiert also die konkrete Anwendung des Werkzeuges zu einer
existentiellen Fragestellung. Das ist möglich, weil der Mensch eine Funktionalität
zu erkennen glaubt – auch wenn es unklar ist, was für eine. Das wiederum
funktioniert, weil das ZEUGWERK Verbindungspunkte anbietet, die dem Menschen
bereits potenzielle Einsatzmöglichkeiten suggeriert. Zum Anderen haben
die ZEUGWERK-Objekte oft von sich aus bereits gewisse Funktionen, die dann in
der Anwendung möglicherweise erklärbar wären. Diese potentielle
reale
(Gebrauchs-)Anwendung scheint ein Gegensatz zum Begriff Kunstwerk zu sein. Denn
das Kunstwerk sollte allgemein das Materielle zu einem „höheren Wert“
transzendieren, der über immer das Materielle hinausgeht. Das ZEUGWERK
bleibt aber eher reine Funktion und führt nicht vom Materiellen weg. Durch
die Möglichkeiten einer Zustandsveränderung und die reale Verbindung
mit dem Raum bleibt die funktionale Frage: Was soll ich damit machen, was kann
ich damit machen? Es wird deutlich: der Schritt zur Frage, was kann ich überhaupt
machen, ist nicht weit. Damit eröffnet sich ein breites Spektrum existentieller
Fragestellungen.
Frank Pieperhoff, 2006