Frank Pieperhoff - kommentierte Werke 1

Anatomie der Kunst, 2015

Reihe von 17 Fotos, digital

An Wahnsinn und schlimmen Ideen ist die menschliche Wirklichkeit wohl kaum zu übertreffen. Es war ein spontaner Impuls, der diese Reihe hervorbrachte. Der Künstler als Schöpfer von Außerordentlichem, der Künstler als Genie, blickt nun in eine Welt, der er bereits gestaltet hat – und die auf ihn zurückschaut. Der Betrachter nimmt hier die Perspektive des Kunstwerkes ein, welches den Künstler bei der Arbeit beobachtet. Das Kunstwerk beobachtet den Künstler in seiner Tätigkeit des Schaffens. So ist dieses Agieren und diese Form der Sinnhinterfragung mit all den Aktivitäten die daraus hervorgehen, durchaus auch amüsant. Ich sehe meine Figuren allesamt genau damit beschäftig. Es sind keine Künstler, die sich geben wie Könige, die sich darstellen als Genie. Es sind wir: Menschen mitten in der Absurdität des Lebens, Menschen, die daran arbeiten etwas zum Ausdruck zu bringen. Es ist eine Situation die sie sich teilweise selbst geschaffen haben, die aber auch teilweise von außen in eine Intimität hineindringt und untergründig auch bedrohlich ist.

Selbst im Atelier

150 x125 cm, seit 2012

In den vorangegangenen Werkreihen „im Atelier“ beobachtet von oben herab der Betrachter die Ateliersituation. Mit dem Zyklus „Selbst im Atelier“ versuche ich noch näher an den Künstler zu kommen. Es ist das Werk selbst, welches den Künstler beobachtet. Das Werk ist für mich exemplarisch das, was der Mensch im Allgemeinen erschaffen hat und kontinuierlich erschafft. Mit diesem Blick wird der Künstler in äußerster Intimität beobachtet, ohne dass der Blick voyeuristisch wird. Der Künstler agiert gewissermaßen in den Betrachter hinein, denn der Betrachter ist zugleich das Werk, welches der Künstler versucht zu schaffen.

Durch die niedrige Positionierung des Kopfes ist der Bildbetrachter – und damit auch das Werk – die eigentliche Autorität. Der Künstler tut alles, was er mit Kraft und Energie machen kann. Jedoch wird klar, wie stark die Möglichkeiten begrenzt sind. Der Künstler, also der Mensch, gestaltet nicht bestimmend die Welt, sondern ist gleichermaßen oder überwiegend der Welt und deren Zwängen ausgeliefert. Das sind für mich die Rahmenbedingungen in denen meine Portraitkunst (Fotografie, Malerei) aktuell stattfindet. Immerhin ist dies für mich die erste akzeptable Form von Portraitkunst, die ich in 30 Jahren Malerei entwickeln konnte, trotz zahlreicher Versuche.

Die Frage, wer das Portrait betratchet, wie, von wo aus und in welcher Situation sich der Betrachter befindet, ist für mich tatsächlich entscheidend. Der Betrachter wird Teil des Bildes und verbindet sich mir dem tatsächlichen Betrachter, der als Person die abgebildete Person betrachtet. So entsteht ein sinnlicher Dialog mit eine psychologische Spannung zwischen den Akteuren. Das sind die Rahmenbedingungen, die ein Portrait für mich sinnvoll machen. Und in dieser Form wird auch die spezielle zwischenmenschliche Spannung meiner mehrfigurativen Arbeiten auf diese Arbiet übertragen.

Vor allem steht jedoch der Klang und die Kraft des Werkes selbst: Die Gemälde versuche ich im Sinn der reinen Malerei zu einem maximalen sinnlichen Erlebnis zu treiben.Die Malerei soll ein Fest der Farbe und des Lichtes sein, sie soll ein komplex, klingendes und rhythmisches Ganzes und sich mit den Besten der Besten aus der Geschichte der Menschheit messen können.

Großformatfotografie

ohne Titel, seit 2014 (analog, 13 x 18 cm Negativ)

Die Fotografie begleitet meine bildnerische Arbeit von Beginn an. Im Jahr 2006 kaufte ich eine analoge Mittelformatkamera und nahm auch das Fotografieren mit dem analogen Kleinbild wieder auf. Insbesondere Stadträume, durch den menschlichen Eingriff geprägt Natur, Portraits und Selbstportraits interessieren mich. Das Interesse wuchs und ich fand mit Glück eine schöne Plaubel Großformat – Fachkamera. Wohl eher zufällig entdeckte ich bereits beim ersten Foto eines Apfels, was das direkt Gestalten der Schärfeebene bewirkt – und wie sehr das meine Kernfragen berührt: Aus welcher Position sieht der Betrachter das Bild. Mit einer Fachkamera ist es möglich die scharfe Ebene zu drehen und zu kippen, also es sind nicht alle Punkte scharf, die eine gewisse Distanz haben, sondern die in der richtigen Ebene liegen. Durch die Verdrehung der scharfen Ebene entsteht gewissermaßen ein unbewusster zweiter Betrachterstandpunkt, nämlich der, der parallel zur scharfen Ebene liegt – so wie es das menschliche Auge gewöhnt ist. Das hat eine ungewöhnliche Ausprägung der Volumina zur Folge. Ein weiteres, spannendes Phänomen ist: Die Verdrehung der Schärfeebene hebt die Starrheit der Monumentalität auf. Das Bild steht einem nicht direkt gegenüber, sondern es entsteht ein zeitlicher, flüchtiger Moment – auch wenn die Komposition eher monumental angelegt ist. So stehen die Spuren der Vergangenheit mit einer gewissen Selbstverständlichkeit in dem Objekt, die Volumen und Formen bekommen eine „potentielle Individualität“.

im Atelier

Acryl auf Papier, 48 x67 cm, 2012

Diese Reihe vom Malereien basiert direkt auf den Zeichnungen von 2009. Nur es liegen drei Jahre Arbeit dazwischen, in denen ich das Thema mit meinen Ölmalereien vertieft habe. Die Situation des Künstlers transzendiert zu eine allgemeinen Situation, die auch meine persönlichen Lebensumstände mit aufgreift. Die Realitäten der Bildebenen gehen fließen ineinander über. Die Szene auf dem dargestellten Bild, welches der Künstler schafft wird gewissermaßen real und der Künstler wird ein Teil des Bildes.

im Atelier

Öl/Eitempera auf Leinwand, 109 x 89 cm, seit 2011

Die in den Zeichnungen aufgeworfene Thematik, des Künstlers bei der Arbeit, nehme ich in dieser Reihe auf. Zunächst malte ich einige kleinformatige Bilder und ging dann auf dieses Format über. Der Künstler malt ein Kunstwerk, welches selbst zur Realität werden kann und mit der Realität des Künstlers sich verschachtelt. Es gelingt mir in dieser Form eine wandelbare und zugleich klassisch aufgebaute Malerei zu vollziehen. Hierbei verwende ich auch moderne Techniken wie eine intuitive gestische Malerei, die in die klassischen Aufbau einfließt. Mit den Techniken der Moderne intensivere ich die Bilder, breche schwache kompositioische Elemente auf und gebe dem Zufall einen großen Raum.

Natürlich ist die malerische Qualität entscheident. Mit dieser Form finde ich den von mir ersehnten Kontakt mir den alten Meistern. Wichtig ist mir darauf hinzuweisen, dass auch die Malerei nur funktioniert, wenn alles stimmt – eben auch die spezielle Art der situativen Spannung, die ich in all meinen Bildern klar spüren will.

im Museum

seit 2010, 18 x 24 cm, Bleistift auf Papier

In dieser Reihe übertrage ich die Situation Künstler im Atelier auf die Situation Künstler im Museum. Speziell: Ein Künstler, der im Museum mit den ZEUGWERK Objekten hantiert und eine Ausstellungsstituation kreiert. Es kam mir darauf an zu sehen, inwiefern die Situation überhaupt transformierbar ist. Das war insofern wichtig, weil ich hier auch persönliche und familiäre Themen integrierte. Diese Themen spielten dann wiederum in den folgenden Ölbildern „im Atelier“ eine Rolle und sind maßgebend für die Verschachtelung der Themen: Identität des Künstlers, Kampf mit dem Werk, Einfluss der Realität und allgemeiner widriger Umstände und die persönliche, familiäre Situation.